Die Selfies von Bassam

 

 

Das ist Damaskus im Schnee.

Das ist mein Bruder.

Das ist in Schweden.

Der Mann auf meiner Couch wischt durch seine Handyfotos. Syrien. Schweden, Deutschland. Er ist nackt, wir sind beide nackt. Wir lernen uns kennen, viel zu schnell lerne ich ihn kennen. Viel zu falsch lerne ich ihn kennen. Falsch?

Vor einer Stunde habe ich Bassam getroffen. Als Kurznachricht auf meinem Bildschirm. Dazu ein Foto. Er ist schmal, trägt Bart, hat ein süßes Lächeln – Warum nicht! Es ist ein langweiliger Abend, wir sind beide horny, Bassam wohnt um die Ecke bei Freunden. Endlich in einem eigenen Zimmer.

Im Heim gings ihm nicht gut. Zu viele Menschen? Wahrscheinlich. Genau erfahre ich das nicht, unser Deutsch-Englisch-Mix reicht gerade so für Smalltalk. Vor 30 Minuten ist Bassam zu mir nach Hause gekommen, wir haben Bier getrunken und geraucht. Dann haben wir uns geküsst und ausgezogen. Nachdem wir beide gekommen sind, zeigt Bassam mir seine Handyfotos.

Seine Eltern sind in Syrien, sein Ex-Freund auch. Bilder von den beiden Arm in Arm bei einem Picknick. Der Ex wird bald heiraten, hat er neulich geschrieben. Weil er will oder weil er muss? Bassam versteht die Frage nicht.

Die meisten Fotos sind Selfies. Mal mit Bart, mal ohne, mal sind die Haare lang, mal kurz. Mal trägt er enge Sportklamotten und Sonnenbrille, mal nur eine Unterhose. Auf einem steht er im Schnee in Syrien, dann wieder am Strand in Schweden. Sein Daumen rauscht durch das Verzeichnis, ich stricke mir aus dem Bildern die Vorstellung von einem Leben, das womöglich nicht seins ist.

Anderthalb Stunden nach unserem ersten Kontakt geht Bassam. Ich habe alle seine Fotos gesehen, habe ihm kein einziges von mir gezeigt. Habe Angst mich ihm zu öffnen, wie er sich mir gegenüber geöffnet hat.

Werden wir uns wiedersehen? Wohl nicht. Zumindest nicht, wenn es nach mir geht.

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Entwürfe

hobvias sudoneighm via flickr

hobvias sudoneighm via flickr

Ich steh auf niemanden.exe – deleted.

Ich steh auf Frauen.exe – deleted.

Ich könnte bi sein.exe – deleted.

Ich bin heterolike.exe – deleted.

Ich bin schwul aber das macht mich nicht aus.exe – delete?

Seit Jahren schreibe ich Lebensentwürfe. Sie sind wie ausführbare Datein in meinem persönlichen Ordner „Begehren“ und sie werden vom Programm „Identität“ abgespielt. Die gelöschten Dateien sind überholt. Sie belasten nicht mehr meinen Arbeitsspeicher. Aber sie verbleiben irgendwo als Sicherungskopie – als wichtige Erinnerung.

Heute ist internationaler Coming Out Day. Das ist die Gelegenheit für mich, mal wieder daran zu erinnern, dass ein Coming Out nicht an einem Tag passiert. Dass es immer wieder erneut nötig wird. Mit dem Coming Out ist man nie fertig – es wird nur einfacher. Und man lässt nichts zurück, nichts geht verloren, wenn man sich outet. Die verworfenen Dateien bleiben da und machen uns komplex und wunderschön. Ich hoffe, dass das Leuten helfen kann, die noch mit sich ringen.

Natürlich ist das erste Mal das schwerste. Denn beim ersten Mal kommt man nicht nur gegenüber der Person raus, der man sich anvertraut, sondern auch gegenüber sich selbst. Man hört sich zum ersten Mal die Worte laut sagen: „Ich + bin + ******“ und lernt, wie sich das anhört, so außerhalb des eigenen Kopfs. Wie der Satz durch die Welt da draußen getragen wird und wieder bei den eigenen Ohren ankommt. Wie der Körper drauf reagiert, welcher Teil sich verkrampft, welcher sich entspannt. Und wie man hinterher immer noch da ist, immer noch lebt, atmet und Hunger hat. Wie man immer noch man selbst ist – vielleicht sogar ein bisschen mehr.

Es folgt Euphorie, es folgt Akzeptanz, es folgt Normalisierung. Und dann folgen Kompromisse. Denn beim Coming Out ist man nicht als fertige neue queere Person geboren worden, die man dann für immer bleibt. Coming out ist keine Release Party für eine neue Erfolgsmarke. Es ist ein erster Schritt, der wichtigste, aber nicht der letzte.

Ich selbst bin nach meinem ersten Coming Out Kompromisse eingegangen. Ich habe mich gefreut über die, die mich akzeptierten, weil ich „nicht so tuntig“ sei. Ich ernährte mich vom „Das hätte ich aber nicht gedacht“. Ich leierte homophobe Sprüche à la „ich steh auf Männer, die wie Männer aussehen“ herunter. Und ich mied die Szene. Ich hatte Angst vor  ihren und meinen Fetischen, vor ihrer und meiner Unsicherheit – vor dem kompletten Verlust des Zertifikats „normal“. Und so habe ich auch nach dem Coming Out immer neue Entwürfe angelegt, neue ausführbare Dateien, die dieses ein- und jenes ausschlossen.

Und [Spoiler Alert] ich bin nach wie vor nicht fertig. Ich hab immer noch nicht meine endgültiges queeres Ich gefunden. Diese Person, von der implizit verlangt wird, dass man sie kennt, wenn man sich outet. Ich bin immer noch auf der Suche, habe meine Ängste und Ismen und taste mich an das Unbekannte heran. Jeder Schritt auf diesem Weg hat mich zufriedener gemacht als ich im Closet jemals hätte sein können. Aber ich vergesse nicht ganz, wer ich vorher war, nicht den Sich-versteckenden, nicht den Verklemmten, nicht den Homophoben. Ich versuche nicht, sie aus meiner Geschichte zu streichen.

Und das würde ich von Menschen im Coming Out auch nicht erwarten.

TV, da geht noch was

Quelle: pixabay

Quelle: pixabay

Die Netflix-Serie Sense8 hat mich im Sturm erobert. Und mich nachdenklich gemacht, was im TV alles möglich wäre – vor allem für queere Identitäten.

Eigentlich kann ich den Bildschirm kaum noch angucken. Der Grund ist, dass ich die neue Netflix-Serie Sense8 gebingewatched habe. Bingewatching ist – das wisst ihr sicher schon läängst – wenn man eine Serie Folge für Folge online wegguckt, anstatt sich brav jede Woche zur selben Zeit mit einer Stulle vor dem Fernseher einzufinden. Online-Entertainment-Konzerne wie Netflix wissen, dass sowas inzwischen zum Volkssport der Netzgemeinde gehört und produzieren deshalb Serien genau für diesen Zweck.

Sense8 hat alles, was man braucht. Scifi, Fantasy, grandiosen Schnitt, einen Soundtrack zum niederknien, und LGBT. Und zwar das L, das B, das G und das T. Einfach so. Als Teil der Charakterstories, ohne dabei eine LGBT-Serie zu sein. Ich werde mich gar nicht mit der Handlung aufhalten, die könnt ihr gefälligst selbst erleben. Aber gerade weil Sense8 zum bingewatchen produziert wurde, kann es sich einiges erlauben, was anderen Serien fehlt.

Zum Beispiel langsames Erzählen. Nicht jede Folge hat einen Showdown, wie das bei Serien zur wöchentlichen Ausstrahlung unvermeidlich ist. Auch wird nicht klar in Haupt- und Nebencharaktere unterschieden. Dadurch gibt es keinen Rückfall zu einem typischen white-straight-male-Heldentypus, der im Zentrum von allem steht. Die Wachowskis sind hier unterhaltungstechnisch wieder mal einen Schritt weiter gegangen – und das konnten sie, weil sich die Sehgewohnheiten verändern.

Man muss nicht auf Sense8 stehen. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob die Serie einen Duchbruch für Queerness in den Medien darstellt. Oder man kann auch einfach Scifi und Fantasy nicht mögen (….muss……das……akzeptieren…..gah….). Aber man sollte zumindest feststellen, dass nicht alles festgefahren ist im good old TV.

Wir haben uns daran gewöhnt und hingenommen, dass im Zentrum fast aller Filme und Serien weiße Heteromänner stehen, die in der Regel alles alleine auf die Reihe kriegen. Die Menschen, die ihnen dabei helfen, repräsentieren die gesellschaftlichen Minderheiten, aber sie geraten selten ins Zentrum der Geschichte. Wir haben uns damit abgefunden, dass wir deshalb keine queeren Held_innen erwarten können, jedenfalls nicht in den Massenmedien.

Die Machart von Sense8 zeigt, dass es Potenzial gibt, die Erzählweise in den Unterhaltungsmedien zu verändern. Sense8’s Plot setzt auf Kooperation, Empathie und Parallelität, während Serien aus Schema F durch Konkurrenz und Hierarchien geprägt sind. Neue Arten des Erzählens, das bedeutet neue Räume für Figuren mit diversen Hintergründen, Identitäten und Geschichten. Figuren die vielschichtig sind, und mehr als Repräsentant*innen von Gruppen. Deren Geschichten einen eigenen Weg gehen und nicht gegen Ende der Folge in der des Hauptcharakters verschwinden.

Mediale Repräsentation ist sicher nicht alles im Kampf um eine gerechtere Welt. Aber Geschichten sind realer und mächtiger als wir oft denken, und in ihnen vorzukommen – als handelnde Person – ist grundlegend dafür, um existieren zu können. Es scheint, als bestünde die Möglichkeit, dass wir solche Geschichten einfordern können. Dass wir verlangen können, dass queere Identitäten Platz haben in Hollywood. Es scheint. Aber lassen wir es nicht einfach auf uns zukommen.

Und jetzt guckt euch endlich diese Serie an, verdammt!

Queer oder nicht queer

Ein Blogeintrag macht Furore in der Online-Queer-Community. Die Bloggerin xojane macht ihrem Ärger darüber Luft, wer sich heute alles „queer“ nennen darf. Und erregt gif(t)igen Widerspruch. Was ist hier das Problem? Das Problem ist, dass „queer“ von einer Kritik zu einer Identität wird.

queer sectorDas darf doch nicht wahr sein. Vor ein paar Jahren noch wollte sie nichts vom Queersein wissen, und jetzt ist sie auf einmal voll auf dem Trichter. Megaätzend, das gefährdet meine Identität als queere Person.

So ungefähr lässt sich xojane’s Wutbrief über eine Bekannte zusammenfassen, die offenbar die Identität „queer“ beansprucht, obwohl sie „nur Männer datet“. Ihr Fazit „Wenn du (als Frau) nur mit Männern Beziehungen hast, kannst du eben nicht queer sein“. Die Reaktionen kommen prompt und farbenfroh. Die Community ist not amused. In einem Stimmungs-Gif hebt Mr. Spock fassungslos die Augenbraue.

Biphobie wird der Bloggerin vorgeworfen, die Sexualitäts-Polizei wolle sie spielen. Ob sie zum Queer-Konzil gehöre, das queere Ausweise ausstellt, fragt eine Kommentator_in.

Die Freund_innen in der Kommentarspalte haben dieses Feuer erstmal gelöscht. Danke dafür. Ich will aber trotzdem noch einen Metakommentar obendrauf setzen. Was diese Auseinandersetzung zeigt ist, dass wir höllischst aufpassen müssen, queer nicht auf eine Identität zu reduzieren.

Identitäten haben Vorteile. Zum einen geben sie ihren Träger_innen Sicherheit. Wir wissen wo wir hingehören, wenn wir Teil einer identitären Gruppe sind. Wir wissen, welche Räume für uns sind, wie wir uns wo verhalten und äußern können. Wer uns im Zweifelsfall beisteht. Zum anderen geben Identitäten der Kritik ein Gesicht. Eine Gruppe verkörpert so die Gegenposition. So ist das bei „queeren Menschen“. Eine Demo ist so leichter organisiert, eine Pride-Parade wird so zur Feier von Zugehörigkeit.

Aber queer ist nicht nur das. Es ist kein Button, den ich mir anhefte und den ich dann mit mir rumtrage, komme was wolle. Das ist der Gedankenfehler, den xojane macht. Sie beansprucht für sich eine Identität, die zu ihr als Person dazugehört, und vergisst darüber den Kontext. Zum Beispiel, dass „queer“ nicht nur Pride ist, sondern auch Angst. Dass queer eine Aufgabe ist, die sich immer wieder neu stellt. Ein Gegenprojekt zur Heteronormativität. Queer ist Kritik, die von Menschen am Leben erhalten wird, aber es ist nichts, was Menschen ausmacht.

Menschen verändern sich. Nicht wenige gehen von der Opposition in die Normalität. Sie kommen an, schaffen sich ein bürgerliches Leben und eine traditionelle Familie. Queer aber bleibt immer oppositionell. Qua Definition. Es kann deshalb nicht an Personen angehaftet werden. Queer ist nicht ich. Es ist nicht wir. Es ist die ewige, meckernde, wütende, enttäuschte und kämpferische Schwester des Heterosexismus.

Ich verstehe die Angst, dass queer zur Mode wird, zum Fashion-Artikel, den ich mir anhefte um in schicken Bars aufzufallen und wieder ablege, wenns heikel wird. Die Angst, dass solche „Teilzeit-Queers“ denen die Luft abgreifen, die sich das eben nicht aussuchen können. Diese Angst lese ich bei xojane’s Eintrag heraus.

Aber Vorsicht: Wir sind alle Strateg_innen unserer Identität. Niemand ist frei von der Neigung, mit der Normalität zu verschmelzen, wenns drauf ankommt. Um Vorteile zu haben, um uns zu schützen, um einfach mal unsere Ruhe zu haben. Das ist vielleicht kein Grund zum stolz sein, aber es ist Teil der täglichen Auseinandersetzung mit der genormten Welt.

Machen wir uns nicht gegenseitig Schuldgefühle, weil wir auch nur Menschen sind. Halten wir Queerness als Projekt am Leben und widerstehen wir der Versuchung, es als Identität für uns zu beanspruchen. Das ist schwierig, aber es lohnt sich.

 

Pervers? Aber ja!

Source: wikicommons

Source: wikicommons

Über „Das Streben nach Normalität“ habe ich kürzlich geschrieben. Heute ergänze ich den fehlenden Rest: Die Perversion.
*tam-tam-taammmmm*

Normalität und Perversion können nicht mit- und nicht ohneeinander. Sie sind seit Jahrtausenden miteinander verheiratet und langweilen sich nie, weil sie sich ständig modisch verändern. Diese Moden dauern schon mal hundert Jahre, nicht nur eine Saison, so wie die Clutch. Aber es sind trotzdem nichts anderes als Moden.

(Ja, die Clutch ist vorbei, Leute…)

Früher mal waren dünne, emotionale Frauen unnormal, vor allem wenn sie pink trugen. Manchmal galten Männer als pervers, wenn sie unverheiratet waren, aber nicht, wenn sie sich neben ihrer Frau noch Knäblein hielten.

Im vergangenen Jahrhundert, und weiterhin, kämpfen Lesben, Schwule, Trans, Inter und viele mehr mit dem Wort „pervers“. In der Lesben- und Schwulenbewegung der 70er und 80er wurde versucht, „pervers“ zu claimen – also den Begriff positiv zu besetzen und so den Homophoben ihre Waffe zu entreißen. Vorbild war dabei die englische Vokabel „queer“. „Queer and proud“ ist im anglophonen Raum längst zu einem Bonmot geworden, ebenso beliebt wie das durch die Zähne gezischte „fucking queer“.

Mit „pervers“ hat das nicht funktioniert. Zwar kann die Himbeermascarpone-Torte „pervers geil(o)“ sein, aber „Identität: pervers“? No way. Eher noch versuchen wir LGBTI heute, die „Normalität“ unserer Identitäten zu unterstreichen. Das hat auch mti den Wörtern selbst zu tun. „pervers“ und „queer“ bedeuten zwar lexikalisch erstmal beide „von der Norm abweichend“. Aber da schwingt noch mehr mit. „Queer“ ist „eigenartig, fremdartig, exzentrisch“ und weckt damit das Interesse, die Neugier, sich mit dem „Queeren“ (aus sicherer Distanz) zu beschäftigen.

„Queere“ Dinge sind außergewöhnlich, vielleicht störend, aber nie bedrohlich. In Robert Frosts Gedicht „Stopping by Woods on a Snowy Evening“ heißt es:

„My little horse must think it queer
To stop without a farmhouse near
Between the woods and frozen lake
The darkest evening of the year.“

Das Pferdchen ist hier höchstens irritiert oder genervt, weil das Lyrische Ich in der eisigen Hölle anhalten muss um sich die Natur und alte Versprechen zu vergegenwärtigen. Es wäre weitaus mehr in Aufruhr, wenn man übersetze:

„Dem Pferd erscheint’s gewiss pervers…“

Denn „pervers“ enthält die Ebene der Gefahr, die aus der psychiatrischen Definition kommt. Wer nicht ganz normal ist, der ist zu allem fähig und damit tunlichst zu meiden – oder schlimmer noch: zu heilen. Wir sehen das gerade in der Debatte um die Ehe für Alle, wo wieder das Dammbruch-Argument aus den Mottenkisten geholt wird: „Aber…aber… wenn die Ehe nicht mehr auf Mann und Frau beschränkt ist, wer sagt dann, dass man morgen nicht auch seine Geschwister, seinen Hamster oder eine Zylinderkopfdichtung heiraten darf?!“

Letztlich ist es allen, sogar der CSU, total egal, wer hier wen heiratet. Es geht nur um die Rettung der „Normalität“ (das was man kennt und einschätzen kann) vor der „Perversion“ (das was neu ist, und daher gefährlich). „Pervers“ sind viele tolle, ungefährliche und spaßige Sachen, die Menschen ständig praktizieren, solange keine_r guckt.

Während sich die Normalos fünfzig Grautöne null-innovatives Liebesspiel im Kino reinziehen, erleben und betreiben Menschen täglich Perversion. Und sie schaffen sich selbst die nötigen Regeln und Umgangsformen, die man öffentlich nicht aushandeln darf. Das gilt für gleich- und zwischengeschlechtliche Liebe wie für SM, Polyamory und behinderte Sexualität (dazu übrigens unbedingt das hier lesen). Die Perversion ist der Raum, wo wir selbst täig werden können, eigene Regeln aufstellen und neue Möglichkeiten für Liebe und Lust entdecken – während wir uns in der Normalität Ketten anlegen lassen (und zwar nicht als Fetisch).

Wer den letzten Artikel gelesen hat (*räusper*) weiß, dass ich am Streben nach Normalität nichts schlimmes finde. Aber wer nur noch normal sein will, stößt viele von sich weg. In der Perversion aber können wir mit anderen solidarisch sein, mit denen wir sonst vielleicht nichts teilen. Das wusste die Bewegung, als sie „Wir sind pervers“ zur politischen Parole gemacht hat. Jahrzehnte später sind wir immer noch pervers – und darauf müssen wir auch, Göttin sei dank, nicht verzichten.

Das Streben nach Normalität

Quelle: weltreis.ch

Quelle: weltreis.ch

Anlässlich des International Day Against Homo- and Transphobia lohnt sich wie immer der Blick über den Tellerrand: In Irland gehen in in diesen Tagen die Kampagnen in die heiße Phase, weil dort am 22. Mai per Volksentscheid über die Gleichstellung der Homo-Lebenspartnerschaft mit der Ehe abgestimmt wird. Genau wie in anderen Ländern, wo diese „Marriage Equality“ zur Debatte steht, geht es dabei um eine scheinbare Kleinigkeit, die für viele eine faktische Großigkeit darstellt: Den Schutz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in der Verfassung zu verankern.

Warum das nochmal wichtig ist: Auch wenn viele Länder in Europa inzwischen Orte sind, wo Homosexuelle existieren können, ohne ständig um Leben und Gesundheit fürchten zu müssen, so gibt es doch Diskriminierung. In Form von hörbaren Anfeindungen genauso wie subtilen Gemeinheiten im Alltag. Das empfinden wir als ungerecht: warum sollte die „traditionelle“ Einstellung dieser Beamt_in, Ärzt_in oder Verkäufer_in verhindern, dass ich meinen Stempel bekomme, meine Spritze oder meine Schrippe, nur weil ich dabei meinem Freund die Hand halte.

Wenn wir in einem Rechtsstaat ungerecht behandelt werden, holen wir uns das Recht zu Hilfe. Das Recht ist stark. Viele Dreiste und Vorlaute werden plötzlich brav, wenn man ihnen mit dem Recht droht. Deswegen wollen Schwule und Lesben, dass im Recht verankert wird: Die Ehe zwischen Frau und Frau und Mann und Mann ist etwas tolles und wir tun alles, um sie zu schützen.

Es könnte gut sein, dass es in Irland klappt. Und es könnte sogar sein, dass es irgendwann (…) in Deutschland klappt. Für Schwule und Lesben bedeutet das auf der rechtlichen Ebene ein Ankommen in der Normalität. Das ist Grund zum Feiern und zum Nachdenken zugleich. Denn in der Normalität ist nie Platz für alle.

Normalität ist, wenn man immer „anders“ ist, dieser goldene Streifen am Horizont. Ein gelobtes Land, wo es warm und kuschelig ist, weil man einfach mal in Ruhe gelassen wird, nicht immer auffällt. Normalität ist aber vor allem: ein leerer Raum ohne Inhalt, Form und Farbe, von wo aus man die „Anderen“ hämisch und mitleidig anblickt. Und vielleicht auch ein bisschen neidisch: Immer kriegen die Schlagzeilen, mediale Aufmerksamkeit, Förderprogramme. Und wir? Wir verschwinden in unserer Normalität, die kein Aussehen hat und keine Geschichte erzählt. Wie „das Nichts“ in der unendlichen Geschichte, das einen erst grau und müde macht, und dann auffrisst.

Die Normalität kann man anstreben, man kann erkämpfen, dass etwas als „normal“ anerkannt wird. Alle haben ein Recht darauf, sich danach zu sehnen und danach zu streben. Aber gibt es nicht auch noch was anderes, als das Ziel zu haben, normal zu sein?

Klar, in der Ehefrage geht es um mehr als Normalität. Sicherheit etwa, und Respekt. Deswegen sei den irischen Schwestern, allen voran der famosen Kampagnistin Panti Bliss alles gute und viel Kraft gewünscht, um am 22. verkünden zu können: Marriage is for all!

Ich will euch garnicht schwulreden…

Liebe Hetero-Männer,

es wird ja allmählich Frühling und wie jedes Jahr ist dieses eigenartige Flirren in der Luft. Die Hormone funken, wie ein Haufen unsichtbarer Kolibris, die Glitzerpuder pupsen. Auf einmal gibt’s wieder Farben, Bewegung, Leben auf den Straßen und die vier bis fünf Schichten dicke Kleidung sind von der Körpern der Mitmenschen verschwunden. Bei wem regt sich da nicht das Bedürfnis, einfach mitzumachen, bei der saisonal verordneten Crazyness, zu necken, flirten, streicheln, kitzeln und knuddeln was das Zeug hält?

Picture: Charles Roffey via flickr, CC 2.0 (Non-Com)

Picture: Charles Roffey via flickr, CC 2.0 (Non-Com)

Ob im Park, im Stadion oder Nachts unterwegs mit dem Bier in der Hand, seid ihr, liebe Heteromänner, auf der Suche nach Zärtlichkeit und liebe, wie sie nur einer geben kann: der andere Mann.

Liebe Heteromänner, gleich mal vorweg, ich will euch garnicht schwulreden. Aber ihr habt ihn doch alle, den Kumpel, den Bro, den Buddy, den ihr einfach zum Fressen gern habt. Ihr liebt es, euch gegenseitig zu provozieren und dissen, nur um euch dann doch wieder unbeholfen-krampfig in die Arme zu nehmen und ihm mit der Faust spielerisch auf die Schulter zu stupsen.

Nur mit ihm habt ihr ab und zu die Möglichkeit auszubrechen: aus diesem schrecklichen Gefängnis der Unnahbarkeit, das ihr euch aufgebaut habt. Durch eure raumeinnehmende Körperpräsenz, eure ausladende Breitbeinigkeit und die Angst, jede kleine Berührung unter dem Schlüsselbein könnte euch schwul machen. Er ist euer Sonnenstrahl durch die Fenstergitter. Er ist für euch da. Klar kennt er eure Schwächen und könnte dieses Wissen schamlos ausnutzen, aber er tut es nicht. Ihr könnt ihm vertrauen. Er lässt euch im Notfall bei sich pennen, würde euch zinslos Geld leihen oder das letzte Hemd. Ihr seid euch nah. Und die sanfte Berührung mit den Knöcheln am Wangenknochen, wenn ihr „prügeln“ spielt, besiegelt diese Nähe.

Vielleicht seid ihr manchmal auch neidisch aufeinander, weil er die größeren Muskeln hat, mehr Dates, oder weil er einfach alle im Raum in seinen Bann ziehen kann. Aber tief drinnen wisst ihr: Wenn euch einer überbieten darf, dann lieber er als sonstwer.

Ich will euch nicht schwulreden. Aber ihr freut euch auf die wenigen Orte, wo ihr auch mal richtig knuddeln könnt. Weil die Mannschaft gewonnen hat, weil Karneval ist, oder weil ihr einfach sehr sehr betrunken seid. Dann könntet ihr mit ihm im Arm stundenlang lauter gröhlen als alles auf der Welt.

Natürlich wisst ihr letztlich nicht, was in ihm vorgeht. Gefühle thematisieren ist tabu. Und wenn da eine Träne in seinem Augenwinkel kauert, dürft ihr sie nicht wegwischen. Es ist eure Pflicht, so zu tun, als hätte es sie nie gegeben. Dafür seid ihr Freunde. Alles andere wäre ein Verrat an einer fragilen Balance aus Nähe und Distanz, die nicht kippen darf – weil auf der einen Seite die Schwäche lauert, und auf der anderen die Einsamkeit.

Liebe Heteromänner, ich will euch nicht schwulreden. Nichts von alledem macht euch schwul. Auch kein sanftes über-den-Kopf-Streichen, keine lange Umarmung, nicht wenn ihr euch auf seiner Schulter ausruht. Ihr könnt bleiben, wer ihr seid, und das trotzdem alles mal ausprobieren. Ist garnicht so schlimm.

Schönen Frühlingsanfang!